Bin ich ein Arbeiter_inkind?

Fakt ist, es gibt ziemlich viele Dinge, die mich an der Uni nerven und manchmal hab ich das Gefühl, dass ich sie wegen meiner Klassenherkunft sehe, erlebe und eher kritisieren kann als andere.

Fakt ist, dass meine beiden Eltern nie studiert haben und auch kein Abitur besitzen, selbst, wenn sie nach Fort-, Weiterbildung und einer gewissen Anzahl an Arbeitsjahren mittlerweile an einer Hochschule studieren könnten.

Fakt ist aber auch, dass ich nicht arbeiten muss, um mir mein Studium zu finanzieren. Und dass ich nicht nur finanzielle Unterstützung von meinen Eltern bekomme, um mein Studium abzuschließen, sondern dass meine Eltern die Idee, das ich studiere, auch immer unterstützt haben.

Fakt ist auch, dass es innerhalb meiner Verwandtschaft Menschen mit sehr unterschiedlich viel Geld / Schulden gibt und meine Großeltern allesamt auf einer Volksschule waren (falls meine Omas jemals überhaupt wirklich ernsthaft zur Schule gegangen sind).

Von Armen Menschen und denen, die es nicht sein wollen

Um also meine Eindrücke ein bisschen besser zu sammeln, versuche ich das mal anhand von der Theorie eines westlichen, weißen Mannes: Pierre Bourdieu.

Bourdieu hat in den 80er Jahren eine Theorie zur Erklärung der These gefunden, warum fast nur die Kinder von Akademiker_innen (Menschen, die studiert haben) an die Uni gehen und sich das in der Geschichte immer so weiter dreht und auch nicht wirklich ändert. Wobei sich seit den 80ern eben doch einiges zumindest in Deutschland geändert hat. Die Volksschule für die breite Masse ist (nicht nur) in den Köpfen verschwunden und wurde ersetzt durch eine Hauptschule, bei der alle wissen, dass die meisten der Menschen, die dort auf die Schule gehen, am Ende kaum Arbeit finden werden. Die Hauptschule ist mittlerweile Sinnbild einer Leistungsgesellschaft, die uns verdeutlicht: Es gibt keine breite Masse der Arbeiter_innen mehr. Sie wurde Stück für Stück wegrationalisiert (durch 1-Euro-Jobs und Co ersetzt) und alle, die es nur irgendwie schaffen, müssen mindestens einen Realschulabschluss bekommen, um in unserem Kapitalismus Lohnarbeit zu finden. Das Bild, das in der Gesellschaft von der Hauptschule vorherrscht ist „klassistisch“. Es wird benutzt, um Menschen als „bildungsfern“ (faul, dumm, unbrauchbar für den Arbeitsmarkt) abzustempeln. Ich finde den Begriff Bildungsferne übrigens zum Kotzen. Jeder Mensch hat Bildung! Die Form von Bildung, die eine Person im Laufe ihres Lebens erwirbt, ist aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen jedoch von Grund auf verschieden. Keine Form der Bildung ist weniger Wert als eine andere! Sehr eindrucksvoll schildert der Film „Alphabet“, was das 4-gliedrige System mit Menschen macht, die auf die Hauptschule gehen mussten: Am Beispiel eines Weißen, deutschen Mannes der einen Einserschnitt auf der Hauptschule hatte und sich nun von 400-Euro Job zu 400-Euro-Job im „Securitybereich“ hangelt, damit er nicht in der Arbeitslosenstatistik auftaucht. Diese Menschen werden in den Massenmedien zum Schweigen gebracht (soll heißen: niemand berichtet über sie bzw. lässt sie berichten). Er sagt im Film, dass die wahren Arbeitslosenzahlen bei ca. 8 Millionen in Deutschland liegen. Und ich vermute mal stark, dass seine Einschätzung näher an der Wahrheit liegt, als die Arbeitslosenstatistik. Ich bin ein wenig vom Thema abgekommen, aber ich glaube, dass das durchaus wichtig ist, um zu begreifen wie sehr (auch) das Bildungssystem mit seinen „Sonder-“, Haupt-, Realschulen und Gymnasien an der Herstellung von Armut beteiligt ist.

Kapital

Zurück zu Bourdieu. Bourdieu hat gesagt, dass es eben nicht nur darum geht, wieviel Geld die Eltern / das eine Elternteil / die Institution hat, was dich durchbringen muss (finanzielles Kapital), um später einen möglichst hohen Abschluss zu haben (auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass das der Hauptgrund ist). Vielmehr hat er auch noch drei andere Kriterien gefunden. Da wäre einerseits das kulturelle Kapital (also die Frage, ob Shakespeare, Goethe und die ganzen anderen westlichen, weißen Männer in den Regalen meiner Eltern stehen → tun sie übrigens nicht) und anderseits das soziale Kapital, das ist zum Beispiel das Vitamin B, das du nur durch deine Familie hast. Aber dazu zählen auch „Titel“ also: Doktortitel (deiner Eltern) oder auch Adelstiteln → haben weder meine Eltern noch andere Menschen, die ich aus meiner Kindheit/Jugend kenne. Wo ich in meinem Alltag allerdings am häufigsten Klassismus wahrnehme ist die Form, wie wir gelernt haben, uns zu verhalten. Das bedeutet: Menschen aus der bürgerlichen Klasse haben ein anderes Verhalten, sie haben vermeintlich höflichere „Manieren“ und „sprechen eine andere Sprache“.

Ich habe häufiger mal das Gefühl in diese Gruppe an universitären Menschen, die sich immer sehr diplomatisch und differenziert (also man versucht keine Pauschalanklagen zu machen) ausdrückt und bloß nicht auf die Kacke haut, nicht so reinzupassen. Wenn ich mal flachsig Sprüche raushaue, die ja, vielleicht auch ein bisschen pauschal sind (weil sie auch aus einer Wut heraus kommen), dann bekomme ich wahlweise böse Blicke oder ein „das musst du aber schon differenzierter sehen“.

Was ist die Uni? Die Uni ist Nix!? Fick die Uni

Ich studiere u.a. Politik in einem Umfeld von Menschen, bei denen in der Regel (Ausnahmen bestätigen) mindestens ein Elternteil studiert hat. Das sind Menschen, die die marxistischen Klassiker (in der Regel Weißer Männer: Marx, Gramsci, etc. Rosa Luxemburg bildet die Ausnahme, aber auch sie ist eine Weiße Frau) kennen und gelesen haben, mit dem Begriff Klassismus aber herzlich wenig anfangen können. Das sind Menschen, die sich besonders darüber freuen können, wenn sie ein kompliziertes Wort kennen gelernt haben, das kein Mensch außerhalb der Uni kennt, nur weil es so unglaublich präzise etwas bestimmtes ausdrückt (und nein! ich finde nicht, das komplizierte Wörter kennen, etwas mit Emanzipation zu tun hat, vielleicht, aber auch nur vielleicht haben die Theorien damit zu tun). Das sind oft genug Menschen, die am Ende in Hilfskraftstellen an der Universität arbeiten und sich damit an dem Apparat beteiligen (können), an dem ich mich immer mal wieder extrem unwohl fühle, gerade weil dieser Apparat „Universität“ dazu führt, verschiedene Herrschaftssysteme zu bestätigen. Und zwar nicht nur, weil die Menschen, die dort arbeiten, Weiß, bürgerlich – die SEHR wenigen Ausnahmen bestätigen… – und eher männlich als weiblich sind, sondern auch, weil die Menschen aus ihrer Positionierung heraus nur auf bestimmtes Wissen zurückgreifen können. Und genauso wird eine Geschichte geschrieben und Politik gemacht, die weißen, westlichen, bürgerlichen Menschen hilft, ihre Interessen durchzusetzen und ihr Wissen zu verbreiten…

Weil das jetzt sehr unkonkret (abstrakt) war, hier ein paar Beispiele:

  • Postkolonialismus: Forschen wir, um Rechtfertigungen für neue koloniale Kriege zu finden oder forschen wir, um die neokoloniale Welt zu verändern? Beziehen wir uns auf Good Governance – der dominante Ansatz in den „Internationalen Beziehungen“ (also „Strukturanpassungsmaßnahmen“, die verschiedene Länder auf der Welt in die Knie zwingen, weil sie Marktöffnungen bedeuten, z.B. für Massentierhaltungshühnchen aus Deutschland, die dann aufgrund der Preise einheimische Tierzucht verdrängt) – oder beziehen wir uns auf Neokolonialismus (und nein! Der Begriff taucht an der Uni nicht so oft auf, wie manche Menschen denken)

Warum? Weil es kaum People of Colour auf Professuren gibt?

  • Die Geschichte der weiblichen Bildung in den Erziehungswissenschaften: Erst in den 80er Jahren nach der zweiten großen Welle der Frauenbewegung hat man angefangen eine Geschichte der Bildung der (Weißen, bürgerlichen) Frau (HALLO, wir machen 50% der Bevölkerung aus! Also nicht die weißen, bürgerlichen, aber naja)

Warum? Weil insbesondere bis in die 90er hinein Erziehungswissenschaften vor allem von (Weißen) Männern dominiert wurde!

  • In Bremen sollte vor Kurzem ein Studiengang über Diaspora Studies anfangen, bei dem alle Professuren mit Weißen besetzt werden sollten. Nachdem die Kritik kam (denn es gibt genug Schwarze Menschen, die für solche Professuren infrage kämen) hat man den Studiengang gleich gar nicht besetzt.

Warum? Weil Weiße denken, dass sie anderen am besten die Welt erklären. Und weil an den Entscheidungspositionen Weiße Menschen sitzen.

  • Feminizid: Unbekanntes Phänomen an deutschen Unis: Menschen werden getötet, nur weil sie Frauen sind. Bsp: Mexiko

Warum lerne ich darüber nichts an der Uni? Weil Gender-Professuren von Weißen Frauen besetzt werden.

  • Und nicht zuletzt, gerade in der Erziehungswissenschaft werden vollkommen unzulängliche Kategorien benutzt, um damit extrem unterschiedliche Menschengruppen zu beschreiben: insbesondere Migrationshintergrund und bildungsfern, die allzu gerne und oft gemeinsam benutzt werden.

Warum? Weil es wenig People of Colour Professuren in der Erziehungswissenschaft gibt. Weil es kaum Menschen aus „bildungsfernen“ Familien auf Professuren schaffen.

Bezeichnungen

Als ich vor Kurzem auf dem Blog der Mädchenmannschaft einen wundervollen Text über Klassismus gelesen habe: http://maedchenmannschaft.net/prololesben-und-arbeiterinnentoechter/

musste ich zwar nicht bei allen (denn immerhin bin ich finanziell immer noch privilegiert), aber doch bei so einigen Sätzen nicken. Unter anderem bei Folgendem:

Ich bin wütend auf die Leute, die immer wieder von Chancengleichheit reden, in einer Gesellschaft, in der es nur bürgerliche Bildung gibt, und ich bin wütend auf die bürgerlichen, die nicht einsehen wollen, dass sie bürgerlich sind.

Wie soll ich also von mir reden? Als Arbeiter_inkind? Als Aufsteigerin? Ich möchte vielleicht erstmal die Privilegierten darauf hinweisen, was sie sind: Bürgerlich. Denn mir fällt so oft auf, dass bürgerliche ihre Bürgerlichkeit kein Stück erkennen und auch nicht erkennen, dass sie über Menschen reden, wenn sie bildungsfern als Wort benutzen.

Ja, auch ich werde irgendwann zu den Bürgerlichen gehören, wenn ich mein erstes Gehalt als Lehrerin bekomme, vielleicht bin ich es schon jetzt als Studentin, die sich keine Sorgen um ihre Finanzen machen muss. Aber eines möchte ich gewiss nie vergessen, sowie ich als Lehrerin nie das Wort bildungsfern benutzen möchte. Dass mein Opa zu meiner Mutter einmal gesagt hat: „Du kannst gerne auf die Realschule gehen, aber dann können wir dir nicht mehr weiterhelfen.“

Und zum Schluss ein sehr empfehlenswerter Podcast dazu „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“: https://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-546462.html

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